|
Der grundsätzliche Aufbau einer Gesansgstunde besteht aus fünf Teilen:
Der Begrüßung
Der Einsingphase
Der Arbeitsphase
Dem Ergebnis
Der Verabschiedung
Dem Einhalten dieser Elemente sollte viel Beachtung geschenkt werden!
Schon beim Eintreten des Schülers kann, wenn ich ihn kenne, deutlich werden, wie er an diesem Tag gestimmt ist, wie seine psychische und körperliche Verfassung ist, - und ich kann meine Gedanken den Unterricht präparierend dem entsprechend ordnen. Für den Schüler kann es nur von Vorteil sein, wenn sich der Lehrer von vorn herein auf ihn einstellt und sich ihm auf diese Art sinnvoll widmen kann.
Das Gespräch „Wie geht’s Ihnen/Dir und mir“ stellt dann meist näheres heraus: ob es gut geht oder eben weniger gut. Diese gewechselten Worte sind dann der Übergang zur zweiten Phase der Stunde, dem Einsingen.
Nun habe ich als Lehrer die Qual der Wahl: mit welcher Übung fange ich an?
Diese Entscheidung kann nun weitreichende Folgen haben: eine glänzende Stunde, weil ich genau richtig liege oder sie kann – auch ich als Lehrer habe hier und da einen schlechten Tag – bis zu stimmlichen Irritationen physischer, dem persönlichen Stimmgefühl widersprechender oder emotionaler Art gehen.
Zum Glück kenne ich mit der Zeit die Vorzüge einer Stimme und kann mit einer entsprechend fördernden Übung beginnen.
Nun kann es auf allen möglichen Vokal-Konsonant-Kombinationen auf und ab gehen in allen möglichen Variationen, die ich spontan, nach den Bedürfnissen der Stimme gehend auswähle.
Hier findet sich im Laufe der Übungen der Übergang zur dritten, der Arbeitsphase.
Diese ist letztlich der Kern einer jeden Stunde. Hier werden neue Elemente in eine Stimme gefügt oder andere gewandelt, korrigiert oder beseitigt.
Ich möchte anhand eines kleinen Exempels darstellen, wie wichtig das genaue Arbeiten und Hinhören in dieser Phase der Gesangstunde ist:
Ein Schüler, sagen wir Ende zwanzig, fühlt sich nach dem „Warm-Up“ der zweiten Phase der Stunde sehr wohl. Nun bietet sich mir als Lehrer als Lehrer aber eine überaus gute Möglichkeit, die hinteren Halsmuskeln, z.B. die Rachenringmuskeln, die den Kehlkopf gerne festhalten und so einen freien Ton verhindern, mit einem Vokalwechsel von A nach O zur Entspannung anzuregen. Es kann jetzt ein voller Erfolg von jetzt auf gleich sein und mein Schüler füllt das Studio mit einer um ein Vielfaches offeneren und voluminöseren Stimme. Aber was ist, wenn sich Komplikationen ergeben wie die folgende: Der Schüler konzentriert sich so stark nur auf seine Mundbewegung A-O, dass er den Rest des Halses ganz festhält und kaum noch einen offenen Ton singen kann. Selten, aber es passiert.
Sensibel ist der Schluckapparat des Halses. Hier setzen sich Stresse und Traumata in körperliche Haltungen um. Diese beginnen sich mit einer Bewegung der entsprechenden Muskeln zu lösen: „Dicht“-machen (das kann man im Halsbereich, der ja ein Öffnungs- und Schließbereich ist, wunderbar), schlechte Laune des Schülers oder gar Tränen können die Folge sein. Ich nehme jetzt an, der Schüler macht „dicht“.
Eine elegante Lösung wäre zum Beispiel, ihn ganz vorsichtig nur und ausschließlich an die Bewegung A-O heranzuführen. Denn ich weiß, dass rein muskulär das Gewünschte – die Lösung der Rachenringmuskulatur – eintreten kann. Sich auf die Bewegung – das ist praktisch, die Aufmerksamkeit enorm fordernd – konzentrierend, wird der Schüler wahrnehmen, wie sich langsam eine Weitung im hinteren Hals einstellt und der Kehlkopf schließlich loslassen, sinken und einen volleren Ton als gewöhnlich produzieren kann.
Hinter diesem Vorgang steckt kein Geheimwissen, sondern angewandte anatomische Kenntnisse:
Über die Aktivität des Lippenringmuskels (m. orbicularis oris) und des Wangenmuskels (m. buccinator) beim Gang von A-O erreiche ich eine Dehnung des oberen Schlundschnürers (m. constrictor pharyngis superior). Durch Dehnung desselben, der in seine „Partner“ den mittleren und unteren Schlundschnürer übergeht, erreiche ich erwähntes Loslassen durch den Kontakt des mittleren und unteren Schlundschnürers mit dem Zungenbein bzw. dem Kehlkopf selbst (Zungenbein und Kehlkopf selbst sind wieder miteinander verbunden).
Das Ergebnis sollte bei gründlicher „Spür-arbeit“ des Schülers zufriedenstellend sein.
Nach dem positiven Ergebnis der Arbeitsphase geht die Stunde dann in die Zielgerade mit der vierten Phase:
Das Einstufen und Bewerten der erarbeiteten Ergebnisse in das stimmliche Gesamtkonzept des Schülers bringt die abschließende Klarheit, die der Schüler dann mit in die kommende Woche nimmt und mit der er selbst arbeiten kann. Seine Arbeit ist dann wie Muskeltraining zu sehen: er übt und trainiert die Bewegungen und Muskelpartien, die in der Stunde erlernt worden sind. Hier zählt natürlich mehr die Konzentration auf die Sache als Quantität.
Die fünfte Phase der Stunde ist die Verabschiedung:
Dem Schreibenden dieser Zeilen kam bei einer erfolgreichen Stunde die Arbeit wie eine andere Welt vor. Eine sehr persönliche Welt im Kontakt mit mir selbst. Das ist natürlich nicht der allgemeine Gang einer Gesangsstunde. Aber ich möchte meine Kunden mit freundlichen, wieder alltäglichen Worten in ihren restlichen Tag entlassen. Ermutigen, wenn die Stunde nicht ganz zufriedenstellend war und den Erfolg bei einer sehr positiven Stunde beglückwünschen.
|