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Ich beobachte im Urlaub immer wieder gerne die Neuankömmlinge – sie sind nicht nur käsig, sondern auch hektisch und gestresst. Sie haben schon eine lange Wartezeit mit Ellbogendurchsetzungstaktik am Checkin-Schalter hinter sich, einen durchgeschüttelten Flug mit Gummibrötchen und quengelnden Kindern in beengten Sitzen, einen Reiseleiter vor Ort der einem sagt „Ihre Koffer liefern wir morgen nach“ und eine längere Busfahrt zum Hotel mit 20 Zwischenstopps, bei denen die Touristen an den verschiedenen Orten ausgespuckt werden. Sie kommen genervt an, schauen sich kritisch ihre Zimmer an, nörgeln ein wenig herum über zu niedrig angelegte Balkongeländer oder einem Gekko auf der Terrasse, nutzen den ersten All-Inclusive-Bacardi-Cola um „runterzukommen“ und wollen dann – es ist mittlerweile 16 Uhr – ganz schnell alles wissen, erfahren und vor allem ganz schnell erleben, erleben, erleben. Schnell wird die schönste Liege mit Stacheldraht umzäunt und Handtuch belegt, die Wellness-Landschaft erkundet, die ersten Massagetermine werden festgelegt, das Wasserskizentrum besucht, die Ärmel hochgekrempelt um die erste Bräune auch garantiert bis zu den Schultern zu bekommen, das Buffet wird von vorne bis zum Ende durchprobiert und der Mai Tai und der Zombie und der Caipi werden auch gekostet.
Der nächste Tag beginnt nicht viel anders, denn sie haben die Umgebung noch nicht erkundet, müssen den Bazar besichtigen, Souvenirs und Postkarten kaufen – und schreiben! – und die Wüstentour buchen, bevor sie sich endlich entspannen können – beim Wasserskifahren, der Ganztags-Massage-Turbo-Packung und dem schweren 5-Gänge Menü. Der Stress macht sich natürlich auch in der Partnerschaft bemerkbar. Sie will gerne das Nordic Walking am Strand mitmachen, er lieber das Fußballturnier „Bungalow gegen Appartment“ mitspielen. Beide haben einen Zwang zum Glücklichsein, alles soll perfekt sein – der Sex, das Wetter, die Harmonie, und die Paarbeziehung soll knistern wie am ersten Tag.
Was sie nicht wissen: Jede dritte Scheidung wird nach den freien Tagen eingereicht. Grund genug, sich an ein paar Regeln zu halten. Zum Beispiel die Erwartungen nicht zu hoch schrauben, nicht alles ist so perfekt wie zu Hause. Oder nicht alles nachholen zu wollen, was man in den stressigen Monaten vorher verpasst hat. Auch der Sex funktioniert nicht auf Knopfdruck. Es gilt auch, dem anderen Freiräume zu lassen, und gemeinsam über die Urlaubs- und Tagesplanung zu sprechen, dabei Kompromisse einzugehen, damit beide sich erholen können und nicht nur einer. Über Kleinigkeiten hinwegsehen lernen hilft auch, denn die vergessene Sonnenmilch sollte nicht Auslöser für einen Ehekrach sein. Auch hilfreich ist es, nicht gleich am Abend nach der Arbeit in den Urlaub zu fahren, sondern sich vorher einen entspannten Tag zu Hause zu gönnen – der Check-In-Wahnsinn und das Schreikind im Flugzeug lassen sich dann einfach besser ertragen.
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